Harburg am Haken: Die tägliche Odyssee im vergessenen Süden
Ein Gastkommentar von Andreas Scharnberg

Harburg – Es grenzt ja fast schon an Niedertracht. Wer im Bezirk Harburg von A nach B will – völlig egal, ob mit dem ÖPNV oder dem eigenen Auto – braucht mittlerweile nicht nur Geduld, sondern ein ausgesprochen dickes Fell. Man bekommt das Gefühl: Hamburg gönnt den Harburgern vieles, nur keine kalkulierbare Fahrt zur Arbeit oder in die Schule.
Zugegeben, ich spitze bewusst zu. Aber werfen wir einen Blick auf die Realität: Da ist zum einen die chronisch überlastete, einzige Bahnverbindung in den Süden. Ein fragiles Gebilde, das gefühlt täglich unter „Personen im Gleis“, „vorausgegangenen Polizeieinsätzen“ oder technischen Defekten in die Knie geht. Wer hier pendelt, lebt in der ständigen Ungewissheit, ob der Feierabend heute in den eigenen vier Wänden oder auf einem zugigen Bahnsteig stattfindet.
Baustellen-Wahnsinn ohne Augenmaß
Wer aus purer Verzweiflung auf das Auto umsteigt, landet vom Regen in der Traufe. Dass die Seehafenstraße, der Fürstenmoordamm oder die Waltershofer Straße Dauerbaustellen sind – geschenkt. Damit haben wir uns fast schon abgefunden. Doch es gibt Baustellen-Planungen, die lassen einen fassungslos zurück, weil sie schlichtweg anders gelöst werden könnten.
Nehmen wir das aktuelle Beispiel an der Stader Straße, Ecke Eißendorfer Pferdeweg. Dort mussten Autofahrer stadteinwärts rund 14 Tage lang auf eine komplette Fahrspur verzichten. Der Grund? Eine wenig frequentierte Fußgängerfurt wurde kurzerhand auf die Fahrbahn verlegt. Die Quittung für diese Entscheidung: Ein täglicher Rückstau von rund zwei Kilometern – und das fast durchgehend.
Mobilität als Geduldsprobe
Man fragt sich: Wo bleibt hier das Augenmaß? Natürlich müssen Gehwege saniert und Sicherheit gewährleistet sein. Aber wenn die Verhältnismäßigkeit so massiv aus den Fugen gerät, dass ein ganzer Stadtteil im Abgas-Stau erstickt, während die Alternative (die Bahn) gleichzeitig kapituliert, dann ist das mehr als nur ein „Verkehrsproblem“. Es ist ein Signal an die Harburger: Ihr seid zweitrangig.
Mobilität im Hamburger Süden ist derzeit kein Service, sondern eine tägliche Bestrafung. Es wird Zeit, dass Baustellenmanagement nicht nur auf dem Papier stattfindet, sondern die Lebensrealität der Menschen vor Ort berücksichtigt. Sonst bleibt Harburg das, was es gerade ist: Ein Bezirk am Haken der Verkehrsplaner.



Die Radfahrer haben ihre Probleme, an Baustellen kommen sie meist vorbei, wenn auch nicht immer komfortabel, und Stau auf dem Radweg ist echt eine Seltenheit. Ich bin zeitweise mit dem E-Bike zwischen Harburg und Tonndorf gependelt (2 x 20,5 km), da hat die einfache Fahrstrecke nie länger als 66 Minuten gedauert. Das Auto braucht im günstigsten Fall die halbe Zeit, im ungünstigsten ein Mehrfaches. Ein Genuss ist die Radstrecke wahrlich nicht überall und spätestens bei den Norderelbbrücken ist der Spaß ganz vorbei. Maßstab für jede Planung sollte die Frage sein, ob ein 12-jähriges Kind diese Strecke allein bewältigen könnte. Also, ich hätte keine ruhige Minute, wenn das mein Kind wäre. Gerade kürzlich hab ich auf dem Weg nach Neuengamme einem Stadtplaner Pannenhilfe geleistet. Meine Frage nach dem Verantwortlichen für den linksgeführten Radweg im Harburger Hafen mit der halsbrecherischen Einfädelung in die Nartenstraße war ihm sichtlich unangenehm. Er sei noch nicht lange dabei und überhaupt ist das gar nicht so einfach, wenn ich ihn richtig verstanden habe…