Kommentar: Diebe in der Chefetage? Der legale Raubzug an der Zapfsäule
Ein Gastkommentar von Andreas Scharnberg

Harburg – Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um beim Blick auf die Preistafeln der Tankstellen in diesen Tagen einen stechenden Schmerz in der Magengegend zu verspüren. Es ist nicht mehr nur der normale Marktmechanismus, der uns hier den Schweiß auf die Stirn treibt. Es fühlt sich vielmehr so an, als säßen in den gläsernen Chefetagen der Mineralölkonzerne Leute, die das Handwerk des Taschendiebstahls perfektioniert haben – nur eben ganz legal und im ganz großen Stil.
„Diebe“ ist ein hartes Wort, ich weiß. Aber wie soll man es sonst nennen, wenn die Steuersekung am 1. Mai erst für einen Preis von 1,87 Euro (E10) an den günstigen Harburger Tankstellen sorgt, aber Punkt 12 Uhr wieder bei 2,08 Euro landet. Das ist so ziemlich genau der Steuervorteil, der da einkassiert wird.
Das Märchen vom Markt
Uns wird seit Jahren das Märchen von Angebot und Nachfrage erzählt. Doch wer die Bilanzen der großen Öl-Riesen studiert, sieht dort keine Not leidenden Unternehmen, sondern Rekordgewinne in Milliardenhöhe. Während der Pendler aus dem Umland sich überlegt, ob er das Auto für die Fahrt zur Arbeit überhaupt noch finanzieren kann, knallen in den Konzernzentralen die Champagnerkorken.
Es ist ein systematischer Raubzug an der Lebensqualität der Menschen – nicht nur im ländlichen Raum. Hier, wo der Bus nur alle Jubeljahre fährt und das Auto kein Luxus, sondern schlichte Notwendigkeit ist, wird unsere Abhängigkeit schamlos ausgenutzt. Man weiß genau: Wir müssen tanken. Egal zu welchem Preis.
Die Ohnmacht der Politik
Besonders bitter stößt dabei die scheinbare Ohnmacht der Politik auf. Das Kartellamt schaut zu, prüft und beobachtet – während die Konzerne die Marge pro Liter in Sphären treiben, die mit den tatsächlichen Kosten kaum noch etwas zu tun haben. Es ist ein Spiel mit gezinkten Karten, bei dem der Autofahrer immer die schlechteste Hand hält.
Und während China als Marktführer weltweit Attacken im E-Segement reitet, wollen die Politiker in Deutschland den Verbrenner wiederaufleben lassen. Vor dem Hintergrund der Stärkung der eigenen Resilienz kann hier nur mit falschen Karten gespielt werden. Die Konservativen sind die wirklich bewahrenden Kräfte, wenn es darum geht die eigene Brieftasche vollzumachen.
Zeit für Konsequenzen
Wenn die Vorstände der Öl-Multis von „marktüblichen Anpassungen“ sprechen, ist das purer Zynismus. Es ist an der Zeit, dieses Gebaren beim Namen zu nennen: Es ist eine Umverteilung von unten nach ganz oben, getarnt als Wirtschaftsdynamik.
Vielleicht sollten die Herrschaften in den Chefetagen einmal einen Monat lang versuchen, mit einem Durchschnittsgehalt und einer täglichen Pendelstrecke von 40 Kilometern über die Runden zu kommen. Aber Vorsicht: Die Realität könnte sie genauso schockieren wie uns der tägliche Blick auf die Preissäule.
Ein „Zusammenspiel“ sieht definitiv anders aus.



Eigentlich ist das Thema doch müßig. Seit der Ölkrise in den 1970ern sollte jedem politischen Entscheider klar sein, dass hier alle am Gängelband der Fossilenergien hängen. Was wäre denn heute, wenn deutsche Regierungen so gehandelt hätten wie die Schweden? Da sind Gas- und Ölheizungen längst tabu und 90% der Autos fahren elektrisch, während die Deutschen sich damit aufgehalten haben, zu erklären, warum alles Mögliche nicht geht. Und statt spätestens jetzt aus dem Knick zu kommen, favorisiert der Wähler Politikangebote, die bestenfalls den Status Quo verwalten wollen.
Fortschritt?
Wir doch nicht!
Und dann will es keiner gewesen sein…