Kolumne

Wenn der Süden wartet – und wartet – und wartet

Harburg – Es gibt Momente, in denen ein einzelnes Bild mehr sagt als jede Statistik. Der Himmelfahrtstag 2026 am Harburger Bahnhof war so ein Moment. Tausende Menschen drängten sich auf überfüllten Bahnsteigen, Senioren harrten vor blockierten Aufzügen aus, Eltern mit Kinderwagen standen in Menschenmassen, die sich nicht bewegen konnten. Der Schienenersatzverkehr kollabierte, die Busse standen im Stau, und irgendwo in der Verkehrsbehörde hat vermutlich niemand das Wochenende unterbrochen.

Willkommen im Hamburger Süden, 2026.

Was an jenem Tag sichtbar wurde, ist kein Betriebsunfall. Es ist das Ergebnis von Jahren – nein, Jahrzehnten – einer Verkehrspolitik, die den Süden der Stadt strukturell vergessen hat. Oder schlimmer noch: ihn zwar erwähnt, aber nie wirklich gemeint hat. Der „Sprung über die Elbe“ ist in Hamburg so etwas wie der ewige Silvestervorsatz: lautstark verkündet, still beerdigt, im nächsten Jahr erneut verkündet.

Eine Stadt, zwei Welten

Nördlich der Elbe entsteht die U5. Südlich davon wartet man auf eine zweite S-Bahn-Querung, die seit Jahren diskutiert wird und deren Realisierung in einer Zukunft liegt, die sich niemand mehr vorzustellen traut. Stattdessen: eine S-Bahn-Strecke, die an einem einzigen neuralgischen Abschnitt zwischen Neugraben und Wilhelmsburg täglich 120.000 Menschen befördert – ohne auch nur ansatzweise belastbare Ausweichlösungen für den Störungsfall. Dass dieser Abschnitt irgendwann gesperrt werden muss, war keine Überraschung. Dass das Ersatzkonzept dennoch so dünn ausfiel, schon.

Und als wäre das nicht genug, steht der ohnehin fragile Ersatzverkehr auch noch vor dem nächsten Problem: Die B73 ist gesperrt. Expressbuslinien nach Altona? Nicht vorhanden. Eine vernünftige Verzahnung mit dem niedersächsischen Umland? Fehlanzeige. Einfache, schnell umsetzbare Lösungen scheitern in Hamburg offenbar an einer Mischung aus Bürokratie, Zuständigkeitsgerangel und dem schlichten Unwillen, die Dinge anzupacken.

Lärm, Stau und das große Schweigen

Dabei ist der Verkehr nur ein Teil des Problems. In Seevetal schläft ein Viertel der Bevölkerung nachts bei Lärmpegeln, die Ärzte als gesundheitsschädlich einstufen. Die Autobahnen A1, A7 und A39 durchschneiden die Region wie Wunden, die nie heilen dürfen. Die Gemeinde kämpft jetzt mit Gutachten und Lärmaktionsplänen um das, was andernorts Selbstverständlichkeit wäre: erholsamen Schlaf.

Gleichzeitig verstopfen täglich Tausende von Fahrzeugen die Straßen des Südens – nicht weil die Menschen dort das Auto so lieben, sondern weil ihnen schlicht keine echte Alternative bleibt. Wer in Buchholz, Seevetal oder Rosengarten arbeitet, einkauft oder zur Schule fährt, ist in weiten Teilen auf das Auto angewiesen. Nicht aus Bequemlichkeit. Aus Notwendigkeit.

Die Rechnung kommt bei der nächsten Wahl

Was der Senat dabei zu unterschätzen scheint: Die Menschen im Hamburger Süden sind nicht gleichgültig. Sie beobachten sehr genau, was nördlich der Elbe gebaut, geplant und gefördert wird. Und sie bemerken ebenso genau, was bei ihnen nicht passiert. Das Vertrauen in den öffentlichen Nahverkehr als umweltfreundliche Alternative ist durch die Ereignisse des Himmelfahrtstages ernsthaft beschädigt worden. Wer einmal mit Kindern, Koffer oder Rollator in einer Menschenmasse auf einem Harburger Bahnsteig gefangen war, steigt beim nächsten Mal ins Auto.

Hamburg bewirbt sich als Austragungsort der größten Sportveranstaltung der Welt. Eine Stadt, die das ernstnimmt, kann es sich nicht leisten, dass ihr eigener Süden im Verkehrschaos versinkt, während die Schaufenster im Norden poliert werden.

Es wird Zeit, dass die Verantwortlichen begreifen: Der Hamburger Süden ist kein Anhängsel. Er ist ein Teil dieser Stadt. Und er hat eine Stimme – spätestens am Wahltag.

Redaktion

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