Wochenmarkt Neugraben

„Wollen wir noch heimisches Obst?“ – Bauern im Alten Land schlagen Alarm

Neugraben – Die Sorge ist längst auf dem Neugrabener Wochenmarkt angekommen: Obstbauern, die dort ihre regionalen Produkte anbieten, blicken mit großer Unruhe und auch Empörung auf die Entwicklung im deutschen Obstbau. Steigende Lohn- und Produktionskosten, günstige Importware und Preise, die nach Darstellung der Branche teilweise nicht einmal mehr die Kosten decken, bedrohen zunehmend die Existenz heimischer Betriebe. Jetzt schlägt die Bundesfachgruppe Obstbau mit einem Brandbrief Alarm.

Die drastische Frage über dem Schreiben lautet: „Wollen wir in Deutschland überhaupt noch heimisches Obst?“ Die Bundesfachgruppe beschreibt darin eine Entwicklung, bei der deutsche Äpfel in die günstigere Saftverarbeitung gehen, während gleichzeitig Ware von der Südhalbkugel für den Verkauf verpackt wird. Hochwertige deutsche Süßkirschen blieben teilweise an den Bäumen hängen, während günstige Importe auf den Markt drängten. Zwetschen und Heidelbeeren würden zum Teil unter den Produktionskosten gehandelt. Die Bundesfachgruppe hat den Brandbrief im Juli 2026 öffentlich gemacht und richtet ihren Appell ausdrücklich an Politik, Handel und Verbraucher.

Für Neugraben und den Hamburger Süden ist diese Diskussion alles andere als weit entfernt. Direkt vor der Haustür beginnt mit Neuenfelde, Cranz und Francop der Hamburger Teil des Alten Landes. Insgesamt umfasst das Alte Land rund 10.500 Hektar Obstanbaufläche mit etwa zehn Millionen Obstbäumen. Rund 90 Prozent davon sind Apfelbäume. Das Gebiet versorgt Hamburg und weite Teile Norddeutschlands mit heimischem Obst.

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Obstbauern warnen vor einem schleichenden Verschwinden der Höfe

Nach Darstellung der Bundesfachgruppe gibt inzwischen etwa alle zwei Tage ein Obstbaubetrieb in Deutschland auf. Die Branche sieht dabei nicht nur einzelne schlechte Erntejahre oder vorübergehende Preisschwankungen als Problem, sondern eine grundsätzliche Verschlechterung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

Das trifft einen Wirtschaftszweig, in dem ein erheblicher Teil der Arbeit weiterhin von Hand erledigt werden muss. Pflücken, Sortieren und zahlreiche Pflegearbeiten lassen sich gerade bei empfindlichen Früchten nur begrenzt automatisieren.

Eine zentrale Rolle spielt deshalb der Mindestlohn. Seit Januar 2026 beträgt der gesetzliche Mindestlohn 13,90 Euro pro Stunde. Zum 1. Januar 2027 steigt er auf 14,60 Euro.

Die Obstbauverbände rechnen vor, dass Arbeitskosten bis zu 60 Prozent der gesamten Produktionskosten eines Betriebes ausmachen können. Seit 2021 sei der Mindestlohn um mehr als 46 Prozent gestiegen, bis 2027 werde die Steigerung bei mehr als 53 Prozent liegen. Gleichzeitig müssten deutsche Betriebe mit Obst aus Ländern konkurrieren, in denen die Lohnkosten deutlich niedriger seien.

Deshalb fordert die Branche für landwirtschaftliche Saisonarbeitskräfte einen Abschlag vom gesetzlichen Mindestlohn von grundsätzlich 20 Prozent, allerdings mit einer festen Untergrenze von 13,90 Euro pro Stunde. Praktisch würde diese Untergrenze bedeuten, dass der Stundenlohn für Saisonarbeitskräfte auch nach der allgemeinen Mindestlohnerhöhung 2027 nicht unter dem heute bereits geltenden Mindestlohn von 13,90 Euro liegen soll.

Der Vorstoß dürfte politisch für Diskussionen sorgen. Für die Obstbauern geht es nach eigener Darstellung jedoch nicht um die grundsätzliche Ablehnung angemessener Löhne, sondern um die Frage, ob arbeitsintensive Kulturen in Deutschland gegenüber Importware wirtschaftlich noch konkurrenzfähig produziert werden können.

Brandbrief geht direkt an Bundestag und Landtage

Neben den Lohnkosten fordert die Bundesfachgruppe bessere Möglichkeiten, Saisonarbeitskräfte aus Drittstaaten einzusetzen. Die Verfahren müssten praktikabel, unbürokratisch und rechtssicher sein. Zudem verlangen die Obstbauern eindeutige gesetzliche Regelungen für kurzfristige Beschäftigungen. Die gegenwärtigen Unsicherheiten würden finanzielle Risiken schaffen und Investitionen erschweren.

Der entsprechende Brief wurde an Mitglieder des Deutschen Bundestages und der Landtage gerichtet. Darin warnt die Branche davor, dass immer mehr Familienbetriebe ihre Produktion einschränken oder ganz aufgeben könnten. Damit gehe es nicht allein um die wirtschaftliche Zukunft einzelner Bauernhöfe, sondern ebenso um regionale Wertschöpfung, Kulturlandschaften und die Frage, wie abhängig Deutschland künftig von Lebensmittelimporten sein will.

Dass die Sorgen im Alten Land nicht nur theoretischer Natur sind, zeigen zusätzliche Belastungen in diesem Jahr. Nach mehreren schweren Hagelereignissen wurden die Schäden im größten zusammenhängenden Obstanbaugebiet Deutschlands im Juli bereits auf mehr als 30 Millionen Euro beziffert. Auch regionale Medien berichten aktuell von einer tiefen Krise und von Obstbauern im Alten Land, die ein stärkeres Bekenntnis zu heimischem Obst fordern.

Auf dem Neugrabener Wochenmarkt wird aus der bundesweiten Debatte eine ganz konkrete Frage: Greifen Kunden auch dann zum Apfel, zur Kirsche oder zur Zwetschge aus der Region, wenn Importware daneben günstiger angeboten werden kann?

Die Bundesfachgruppe richtet deshalb einen Teil ihres Appells ausdrücklich an den Handel und an die Verbraucher. Wer Regionalität, kurze Transportwege und eine heimische Lebensmittelproduktion erhalten wolle, müsse diese Entscheidung am Ende auch beim Einkauf treffen. Denn ein einmal aufgegebener Obstbaubetrieb lässt sich nicht ohne Weiteres wieder aufbauen.

Redaktion

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