Nach erneuten Schüssen: Fraktionen fordern Übergangslösung für Abrigado
Harburg – Nach den erneuten Schüssen im Umfeld der Drogenhilfeeinrichtung Abrigado wollen SPD, Grüne und weitere Fraktionen in der Bezirksversammlung Harburg eine kurzfristige Übergangslösung mit Schlafplätzen für schwer suchtkranke Menschen auf den Weg bringen. Ein entsprechender Dringlichkeitsantrag soll in der Sitzung der Bezirksversammlung am Dienstag, 22. September, behandelt werden. Als mögliche Lösungen werden Container- oder Modulbauten genannt, bis die Einrichtung dauerhaft an einen neuen Standort verlegt werden kann.
Hintergrund ist ein erneuter Schusswaffenvorfall in der Schwarzenbergstraße in der Nacht zum 15. September. Nach Angaben der Hamburger Polizei wurde ein 55 Jahre alter Mann durch einen Schuss am Bein lebensgefährlich verletzt und musste notoperiert werden. Sein Zustand wurde anschließend als stabil bezeichnet. Mehrere Personen waren nach den Schüssen vom Tatort geflüchtet, Tatverdächtige konnten zunächst nicht festgenommen werden. Die Ermittlungen dauern an.
Bereits im Juni hatte es im Schwarzenbergpark einen Schusswaffenvorfall gegeben, bei dem ein 45-Jähriger verletzt wurde. Anfang September nahm die Polizei im Zusammenhang mit dieser Tat einen weiteren 21 Jahre alten Tatverdächtigen fest.
Schlafplätze sollen Teil einer Übergangslösung werden
Nach Ansicht der Antragsteller reichen die bisherigen Maßnahmen im Umfeld der Einrichtung nicht aus. „Die Lage ist sehr ernst – die Sicherheitsmaßnahmen der letzten Monate haben nicht gefruchtet. Bis zum geplanten Umzug des Abrigado 2028 zu warten wäre fatal. Wir brauchen jetzt stimmige Übergangslösungen, bis ein Umzug an einen geeigneten Standort passieren kann“, erklärt Jo Riehle von der Grünen-Fraktion. Bislang seien keine Schlafplätze im Zusammenhang mit der Drogenhilfe vorgesehen gewesen. Diese würden jedoch dringend benötigt.
Vorgeschlagen werden sogenannte drogenkonsumtolerante Schlafplätze. Sie sollen suchtkranken Menschen ermöglichen, nachts eine Unterkunft zu nutzen, ohne dass Abstinenz Voraussetzung für die Aufnahme ist. Ziel der Antragsteller ist es, Menschen eine geschützte Übernachtungsmöglichkeit anzubieten und zu verhindern, dass sie im Umfeld der Einrichtung in Zelten oder im öffentlichen Raum schlafen.
Als mögliche Übergangslösungen sollen Container- oder Modulbauten geprüft werden. Der konkrete Standort soll nach dem Willen der Fraktionen gemeinsam mit dem Abrigado und den zuständigen Behörden gesucht werden. In die Prüfung sollen unter anderem Flächen am Großmoorring 44 sowie die bisherige Erstaufnahme in der Schlachthofstraße einbezogen werden. Weitere Standorte sollen ausdrücklich nicht ausgeschlossen werden.
Bei der Schlachthofstraße handelt es sich derzeit noch um einen Standort für die Unterbringung von Schutzsuchenden. Der Vertrag mit dem dort tätigen DRK läuft nach Angaben aus einer Senatsantwort zum 31. Dezember 2026 aus. Unter der Voraussetzung einer entsprechenden Entwicklung der Zugangszahlen soll die Halle bis zum Jahresende leergezogen werden, wobei eine weitere Nutzung als Reservestandort vorgesehen ist.
Die Bezirksversammlung soll die Verwaltung mit dem Antrag auffordern, mögliche Zwischenstandorte kurzfristig zu prüfen und bereits innerhalb weniger Wochen Ergebnisse vorzulegen.
Sicherheitsmaßnahmen wurden bereits deutlich verstärkt
Die Situation rund um das Abrigado beschäftigt die Harburger Bezirkspolitik seit Monaten. Bereits Ende Juni hatten SPD, CDU, Grüne, Linke, Volt und FDP gemeinsam einen Dringlichkeitsantrag eingebracht. Darin wurden unter anderem weitere Sicherheitsmaßnahmen sowie Informationen zum geplanten Neubau und zum Umzug der Einrichtung an die Buxtehuder Straße verlangt.
Zum Beginn des neuen Schuljahres wurden die Maßnahmen rund um den Schwarzenbergpark nochmals ausgeweitet. Nach Angaben der Polizei beauftragte der Bezirk einen Sicherheitsdienst, der werktags für mehrere Stunden im Park eingesetzt wird. Die Polizei verstärkte zugleich ihre Präsenz mit zusätzlichen Doppelstreifen am Morgen und am frühen Nachmittag. Zudem wurde eine Videoüberwachung der angrenzenden Schulgelände vorbereitet.
Das Abrigado besteht seit 1994 und ist nach Angaben der Sozialbehörde der einzige Drogenkonsumraum südlich der Elbe. Die Einrichtung bietet unter anderem niedrigschwellige Beratung, medizinische Basisversorgung, Konsummöglichkeiten unter hygienischen Bedingungen, Mahlzeiten, Aufenthaltsmöglichkeiten, Waschräume und die Vermittlung in weiterführende Hilfsangebote.
Gleichzeitig wird die Lage rund um Schwarzenbergstraße und Schwarzenbergpark seit längerer Zeit politisch diskutiert. In offiziellen Drucksachen werden unter anderem offener Drogenkonsum, Vermüllung, Spritzenfunde, Konflikte im öffentlichen Raum und ein erhöhtes Unsicherheitsgefühl im Umfeld der nahe gelegenen Schulen thematisiert. Der geplante Neubau an der Buxtehuder Straße und die Verlagerung des Abrigado sind ebenfalls seit Jahren Gegenstand der Beratungen.
Mit dem neuen Dringlichkeitsantrag rückt nun erstmals ausdrücklich eine Übergangslösung mit Übernachtungsmöglichkeiten in den Mittelpunkt. Ob und an welchem Standort diese umgesetzt werden kann, müssen Bezirksversammlung, Verwaltung und zuständige Fachbehörden noch entscheiden.

Das ist ein gesellschaftliches Problem, das gelöst werden muss. Wenigstens ist den Verantwortlichen inzwischen die naheliegende Idee mit den Schlafplätzen gekommen. Ich persönlich wäre schon froh, wenn ich nicht morgens vor meiner Garage schlafende Personen wecken müsste. Auch der Anblick dieser armen Menschen, die sich tagtäglich die Schwarzenbergstraße hoch schleppen, ist nicht unbedingt erbaulich. Aber Ablehnung und Aggression trägt nicht zur Lösung bei. Andererseits ist das eine Gruppe Menschen, die krankheitsbedingt auch mit noch so großem Aufwand nicht gesellschaftlich integrierbar ist. Egal wo im Stadtgebiet, Konflikte sind vorprogrammiert. Was also tun? Ein umzäuntes Containerdorf vor den Toren der Stadt? Wie man’s macht, macht man’s verkehrt- aber eins ist sicher: halbherzige Lösungen werden das Problem nicht lösen.