Politik

Starkregen-Gefahr in Neugraben und Wilhelmsburg: Neue Studie schlägt Alarm

Hamburg-Neugraben – Wenn heftiger Regen Straßen überflutet und Wasser in Häuser eindringt, kann es für die Bewohner schnell gefährlich werden. Eine neue wissenschaftliche Studie zeigt jetzt, dass Teile von Neugraben und Wilhelmsburg zu den besonders gefährdeten Gebieten Hamburgs gehören. Dabei geht es nicht nur um überflutete Straßen und Keller, sondern auch um Menschen, die sich bei extremen Wetterereignissen nur schwer selbst in Sicherheit bringen können. Die FDP in Harburg und Wilhelmsburg fordert deshalb vom Hamburger Senat und den Bezirksämtern entschlossenere Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung.

Die am 7. Oktober 2026 im Fachjournal „Climate Risk Management“ veröffentlichte Untersuchung entstand unter Beteiligung von Wissenschaftlern mehrerer Forschungseinrichtungen, darunter die Technische Universität Hamburg und die HafenCity Universität. Die Forscher untersuchten, welche Gebiete bei extremem Starkregen besonders gefährdet sind. Grundlage war ein berechnetes Regenereignis mit einer statistischen Wiederkehrzeit von 100 Jahren, bei dem innerhalb einer Stunde 36 Liter Regen pro Quadratmeter fallen.

Neu an der Untersuchung ist, dass nicht allein die möglichen Überflutungshöhen berücksichtigt wurden. Die Wissenschaftler bezogen auch soziale Faktoren ein, darunter das Alter der Bewohner, ihre wirtschaftliche Situation, ihren Bildungsstand und ihre Wohnverhältnisse. Besonders gefährdet können beispielsweise ältere Menschen, Bewohner von Erdgeschosswohnungen oder Personen ohne eigenes Auto sein. Bereits 30 Zentimeter Wasser auf einer Straße können die Erreichbarkeit von Gebäuden erheblich einschränken und Rettungsmaßnahmen erschweren.

Überflutete Cuxhavener Straße war bereits ein Warnsignal

Für den FDP-Fraktionsvorsitzenden in der Bezirksversammlung Harburg, Dirk Kannengießer, bestätigen die Ergebnisse eine Entwicklung, vor der seine Fraktion bereits seit Monaten warnt. „Die Klimakatastrophe ist real. In Neugraben steht sie im Erdgeschoss“, erklärt der Politiker.

Erst am 30. Juni 2026 hatte Starkregen die Cuxhavener Straße teilweise unter Wasser gesetzt. Bereits am folgenden Tag berichtete scharnberg.de über die Warnungen der FDP und ihre Forderung nach besserer Starkregenvorsorge. Schon im Juni 2020 waren in Neugraben durch heftige Regenfälle größere Schäden entstanden.

„Das Juni-Ereignis war kein Einzelfall. Schon 2020 gab es in Neugraben größere Schäden. Die Studie bestätigt mit Zahlen, was die Menschen im Süden Hamburgs aus eigener Erfahrung kennen“, betont Kannengießer. Für ihn steht fest, dass Regenwasser bei künftigen Bauprojekten von Anfang an berücksichtigt werden muss. Wasser müsse aufgenommen, zurückgehalten und gezielt abgeleitet werden können.

Dabei liegen bereits seit Jahren konkrete Vorschläge auf dem Tisch. Im Rahmen des Projekts CLEVER Cities wurde 2021 eine umfassende Entwässerungsanalyse für Neugraben-Fischbek erarbeitet. Für sieben besonders betroffene Bereiche schlugen die Fachleute naturnahe Lösungen wie Versickerungsmulden, bepflanzte Tiefbeete und Rückhalteräume vor. Die Wirksamkeit wurde anhand des Starkregenereignisses vom 18. Juni 2020 überprüft.

Für zwei dieser Bereiche kündigte das Bezirksamt Harburg eine weitere Prüfung und Umsetzung an. Welchen Stand diese Maßnahmen inzwischen erreicht haben und was aus den übrigen fünf Vorschlägen geworden ist, will die FDP-Fraktion jetzt in der Bezirksversammlung klären.

FDP fordert besseren Schutz und sichere Rettungswege

Die Liberalen verlangen einen zügigen Ausbau der Starkregenvorsorge in Neugraben, eine Überprüfung der Evakuierungskonzepte für besonders gefährdete Bereiche sowie eine verbindliche Berücksichtigung des sogenannten Schwammstadt-Prinzips bei neuen Bau- und Straßenbauprojekten. Dabei sollen Flächen Regenwasser möglichst aufnehmen, zwischenspeichern und verzögert wieder abgeben, statt es unmittelbar in die Kanalisation abzuleiten.

Dass solche Lösungen funktionieren können, zeigen bereits bestehende Anlagen in Hamburg. Der Regenwasserspielplatz am Fischbeker Holtweg in Neugraben kann bei starken Niederschlägen überschüssiges Wasser aus dem Sielnetz aufnehmen. Auch der Notwasserweg in Volksdorf dient dazu, Regenwasser kontrolliert abzuleiten und anschließend versickern zu lassen.

Besonders aufmerksam blickt die FDP auch auf die Situation in Wilhelmsburg. Der dortige FDP-Kreisvorsitzende Sylwester Ciba erinnert daran, dass die Elbinsel seit der Sturmflut von 1962 besonders sensibel auf mögliche Überschwemmungsgefahren reagiert. Während die Deiche heute einen wichtigen Schutz vor Sturmfluten bieten, stellt Starkregen eine andere Herausforderung dar.

„Starkregen ist aber eine eigene Gefahr, die keinen Deich braucht. Sind die Rettungswege auch dann passierbar, wenn 30 Zentimeter Wasser auf der Straße stehen? Erreichen Warnungen auch Menschen ohne Deutschkenntnisse?“, fragt Ciba.

Die neue Studie macht deutlich, dass die Gefahr nicht überall dort am größten ist, wo besonders viel Wasser zusammenläuft. Entscheidend ist das Zusammenspiel zwischen Überflutungsgefahr und der Fähigkeit der betroffenen Menschen, sich selbst zu schützen. Für Neugraben und Wilhelmsburg empfehlen die Wissenschaftler deshalb insbesondere Verbesserungen beim Überflutungsschutz und bei den Evakuierungswegen.

Kannengießer sieht nun die Hamburger Politik in der Verantwortung. „Klimaanpassung ist keine freiwillige Zusatzaufgabe, sondern Kernbestandteil einer funktionierenden Infrastruktur. Gute Planung zeigt sich nicht bei Sonnenschein, sondern beim nächsten Starkregen“, erklärt der FDP-Fraktionsvorsitzende.

Ob die vorhandenen Entwässerungsmaßnahmen ausreichen oder weitere Schutzprojekte erforderlich sind, dürfte damit erneut zum Thema in der Harburger Bezirkspolitik werden. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die bereits vorliegenden Planungen liefern dafür eine Grundlage.

Redaktion

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Ein Kommentar

  1. Herr Kannengießer sagte:„Die Klimakatastrophe ist real.“
    Wenn in der FDP über die Klimakatastrophe geredet wird, fällt mir immer der Spruch des früheren Parteichefs Lindner ein, der sagte, dass ihm noch niemand schlüssig erklären konnte, was falsch daran sei, mit 450 PS durch die Stadt zu cruisen.Die FDP war sich bisher nicht zu schade, Energie- und Verkehrswende zu torpedieren, meist mit Hinweis auf die „Folgen für die Wirtschaft“, wenn alte Geschäftsmodelle wegbrechen. Das ist kurzsichtig, denn das postfossile Zeitalter wird kommen- und die Volkswirtschaft, die als erste fossilfrei arbeitet, wird dann die Pole-Position haben… aber so weit denkt ja kaum einer.

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