Albert Schäfer: Retter Hamburgs oder Profiteur des NS-Systems?
Harburg-Eißendorf – Kaum eine historische Persönlichkeit sorgt in Harburg derzeit für eine so kontroverse Debatte wie Albert Schäfer. Jahrzehntelang standen vor allem seine wirtschaftlichen Leistungen, seine Bedeutung für die Hamburger Nachkriegszeit und seine Beteiligung an der kampflosen Übergabe Hamburgs an die britischen Truppen im Mai 1945 im Mittelpunkt. Inzwischen richtet sich der Blick jedoch wesentlich stärker auf Schäfers Rolle als Vorstandsvorsitzender der Phoenix AG während der nationalsozialistischen Diktatur. Zwangsarbeit, die wirtschaftliche Expansion in besetzte Gebiete und insbesondere der Umgang mit seinem jüdischen Geschäftspartner Max Goldschmidt haben das Bild des angesehenen Hamburger Unternehmers grundlegend verändert.
Genau diese widersprüchliche Biografie bildet den Kern des Streits um den Albert-Schäfer-Weg in Eißendorf. Die nicht einmal 300 Meter lange Wohnstraße trägt seit 2003 seinen Namen. Auf dem Straßenschild wird an den 1881 geborenen und 1971 gestorbenen Unternehmer erinnert, der Vorstandsvorsitzender der Phoenix AG, später Präses der Handelskammer Hamburg und 1945 an der friedlichen Übergabe der Stadt beteiligt war. Was dort nicht steht, ist der Teil seiner Biografie, der heute den entscheidenden Anlass für die Forderung nach einer Umbenennung liefert.
Schäfer war während einer entscheidenden Phase deutscher Geschichte einer der mächtigen Wirtschaftsführer Harburgs. Als Vorstandsvorsitzender der Phoenix AG trug er Verantwortung für ein Unternehmen, das während des Zweiten Weltkriegs in die nationalsozialistische Kriegswirtschaft eingebunden war. Für die heutige historische Bewertung ist deshalb nicht allein entscheidend, welche persönliche Haltung Schäfer zur nationalsozialistischen Ideologie hatte. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, wie er die wirtschaftlichen Möglichkeiten nutzte, die das NS-System deutschen Unternehmern eröffnete, und welche Verantwortung er dabei für Entscheidungen des Unternehmens trug.
Zwischen Phoenix, Zwangsarbeit und der Rettung Hamburgs
Die Phoenix-Werke waren ein bedeutender Industriebetrieb und für Harburg über Jahrzehnte von enormer wirtschaftlicher Bedeutung. Unter Schäfers Führung war das Unternehmen während der NS-Zeit Teil einer Wirtschaft, die zunehmend auf Rüstung und Krieg ausgerichtet wurde. Mit der Ausweitung des deutschen Herrschaftsgebietes engagierte sich Phoenix zudem außerhalb Deutschlands. Besonders kritisch bewertet werden heute die Aktivitäten des Unternehmens in Riga und Prag.
In den dortigen Werken wurden auch jüdische Zwangsarbeiter eingesetzt. Nach Einschätzung der Hamburger Expertenkommission zum Umgang mit NS-belasteten Straßennamen trug Schäfer als Vorstandsvorsitzender Verantwortung für den Zwangsarbeitereinsatz bei Phoenix. Das Unternehmen beteiligte sich damit aus Sicht der Kommission aktiv an der nationalsozialistischen Ausbeutungspolitik in den besetzten Gebieten Osteuropas.
Die historische Kritik unterscheidet dabei bewusst zwischen persönlicher ideologischer Überzeugung und unternehmerischer Verantwortung. Schäfer muss demnach nicht zu den führenden Nationalsozialisten oder überzeugtesten Vertretern der Ideologie gehört haben, um von den Bedingungen des Regimes profitiert und dessen Wirtschaftssystem mitgetragen zu haben. Gerade darin liegt eine der schwierigsten Fragen seiner heutigen Bewertung: Wie ist ein Unternehmer zu beurteilen, der nicht als klassische NS-Größe in Erscheinung trat, dessen Unternehmen aber Zwangsarbeiter einsetzte und wirtschaftlich von den Verhältnissen des Regimes profitierte?
Besonders schwer wiegt in der heutigen Diskussion der Fall Max Goldschmidt. Schäfer hatte gemeinsam mit dem jüdischen Unternehmer die Metallgummi GmbH gegründet. Mit zunehmender Entrechtung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung wurde Goldschmidt aus seiner wirtschaftlichen Position gedrängt. Die Hamburger Expertenkommission kommt zu dem Schluss, Schäfer habe die „Arisierung“ des Unternehmens betrieben und nach Kriegsende erst Wiedergutmachung geleistet, nachdem Goldschmidt diese erstritten hatte.
Dieser Vorgang ist für die Kritiker Schäfers besonders bedeutsam, weil er die Verantwortung konkreter erscheinen lässt als die allgemeine Einbindung eines Großunternehmens in die Kriegswirtschaft. Es geht nicht allein um politische Rahmenbedingungen oder staatliche Vorgaben, sondern um das Verhältnis zweier Geschäftspartner und darum, wie ein deutscher Unternehmer von der Verfolgung eines jüdischen Mitgesellschafters profitierte.
Gleichzeitig besitzt Schäfers Lebensgeschichte eine andere Seite, die ebenfalls nicht ausgeblendet werden kann. In den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 war er an einem Vorgang beteiligt, der für Hamburg von großer Bedeutung wurde. Ausgangspunkt waren die Phoenix-Werke in Harburg, in denen sich zu dieser Zeit auch Verwundete befanden und die vom weiteren Kriegsgeschehen bedroht waren.
Schäfer gehörte zu den Männern, die Kontakt zu den heranrückenden britischen Truppen aufnahmen. Aus diesen Kontakten entwickelte sich schließlich der Weg zu Verhandlungen über eine kampflose Übergabe Hamburgs. Schäfer überbrachte dabei eine britische Aufforderung zur Kapitulation an die deutsche Seite und setzte sich damit persönlich einem erheblichen Risiko aus.
Am 3. Mai 1945 wurde Hamburg schließlich kampflos an die britischen Truppen übergeben. Der Stadt blieben damit weitere Kämpfe und zusätzliche Zerstörungen erspart. Schäfers Anteil daran gehört zweifellos zu seiner Biografie. Ihn jedoch zum alleinigen „Retter Hamburgs“ zu erklären, würde den Anteil weiterer Beteiligter und die komplexen Abläufe der letzten Kriegstage verkürzen.
Gerade dieses Ereignis prägte das Bild Schäfers nach 1945 entscheidend. Der Unternehmer konnte in der jungen Nachkriegsgesellschaft als Mann wahrgenommen werden, der Verantwortung übernommen und dazu beigetragen hatte, Hamburg vor weiterem Blutvergießen zu bewahren. Seine wirtschaftliche Karriere und sein gesellschaftlicher Einfluss waren mit dem Ende der NS-Diktatur jedenfalls nicht beendet.
Nach dem Krieg wurde Schäfer zu einer bedeutenden Persönlichkeit der Hamburger Wirtschaft. Als Präses der Handelskammer stand er über Jahre an der Spitze einer der wichtigsten wirtschaftlichen Institutionen der Stadt. Damit gehörte er zu den Männern, die das Selbstverständnis der Hamburger Wirtschaft in der Nachkriegszeit mitprägten.
Diese Nachkriegskarriere ist aus heutiger Sicht ebenfalls Teil der Debatte. Denn Schäfer wurde über Jahrzehnte vor allem für seine wirtschaftlichen Leistungen und seine Rolle von 1945 gewürdigt. Die Frage, wie stark sein unternehmerisches Handeln während der zwölf Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft in diese Würdigung einbezogen wurde, spielte lange eine wesentlich geringere Rolle.
Warum die Ehrung durch einen Straßennamen heute umstritten ist
Im Jahr 2022 erhielt die Diskussion eine neue Grundlage. Die vom Hamburger Senat eingesetzte Kommission zum Umgang mit NS-belasteten Straßennamen legte ihren Abschlussbericht vor. Der Albert-Schäfer-Weg gehörte zu den Straßen, für die eine Umbenennung empfohlen wurde.
Die Kommission begründete ihre Einschätzung insbesondere mit Schäfers Verantwortung für den Zwangsarbeitereinsatz bei Phoenix, dem Engagement des Unternehmens in den besetzten Gebieten und seinem Verhalten gegenüber Max Goldschmidt. Damit ging es nicht mehr lediglich um die Frage, ob einzelne Aspekte seiner Biografie kritisch auf einem Zusatzschild erwähnt werden sollten. Nach Auffassung der Experten war die historische Belastung so schwerwiegend, dass eine weitere Ehrung durch einen Straßennamen nicht angemessen sei.
Damit ist ein wichtiger Unterschied verbunden: Eine Straßenumbenennung bedeutet nicht, einen Menschen aus der Geschichte zu löschen. Geschichte und öffentliche Ehrung sind zwei verschiedene Dinge. Albert Schäfers Rolle bei der kampflosen Übergabe Hamburgs würde auch nach einer Umbenennung historische Bedeutung behalten. Ebenso wenig verschwinden seine Leistungen für die Hamburger Wirtschaft oder seine jahrzehntelange öffentliche Wirkung.
Die eigentliche Frage lautet vielmehr, ob Schäfer heute weiterhin durch einen Straßennamen geehrt werden soll. Denn eine nach einer Person benannte Straße erinnert nicht nur an Geschichte, sondern bringt grundsätzlich auch eine Form öffentlicher Würdigung zum Ausdruck.
Genau an dieser Stelle trennen sich die politischen Positionen in Harburg. SPD, Grüne und Linke sprechen sich für eine Umbenennung aus. CDU, Volt, FDP, AfD und fraktionslose Abgeordnete haben entsprechende Anträge zuletzt abgelehnt beziehungsweise wollen am bisherigen Namen festhalten.
Die Befürworter einer Umbenennung argumentieren, dass Erkenntnisse über Zwangsarbeit, „Arisierung“ und wirtschaftliche Ausbeutung nicht mit dem Hinweis auf Schäfers spätere Verdienste aufgerechnet werden dürften. Aus ihrer Sicht kann seine Beteiligung an der kampflosen Übergabe Hamburgs historisch gewürdigt werden, ohne ihn weiterhin mit einem Straßennamen zu ehren.
Die Gegner einer Umbenennung verweisen dagegen unter anderem auf die Vielschichtigkeit seiner Biografie. Außerdem führen sie die praktischen Folgen für die Bewohner und Unternehmen der Straße an. Eine neue Anschrift könne Änderungen bei Dokumenten, Verträgen, Versicherungen, Geschäftspapieren und zahlreichen weiteren Stellen notwendig machen.
Gerade die Vielschichtigkeit Schäfers macht den Fall allerdings weit größer als einen Streit um ein Straßenschild. Es geht um die grundsätzliche Frage, wie eine demokratische Gesellschaft Persönlichkeiten bewertet, die unter verschiedenen politischen Systemen bedeutende Rollen spielten und deren Biografien sowohl Leistungen als auch schwerwiegende Belastungen enthalten.
Albert Schäfer passt nicht in eine einfache Schablone. Wer ausschließlich auf seine Rolle im April und Mai 1945 blickt, lässt seine Verantwortung als mächtiger Unternehmer während der NS-Diktatur außer Acht. Wer wiederum seine Beteiligung an der friedlichen Übergabe Hamburgs verschweigt, zeichnet ebenfalls kein vollständiges Bild.
Das macht eine kritische historische Einordnung nicht schwächer, sondern notwendiger. Die entscheidende Erkenntnis der neueren Debatte lautet gerade, dass wirtschaftliche Verantwortung im Nationalsozialismus nicht erst dort begann, wo ein Unternehmer selbst zu den führenden Ideologen des Regimes gehörte. Unternehmen konnten von Krieg, Entrechtung, Enteignung und Zwangsarbeit profitieren und damit Teil des Systems werden, ohne dass ihre Führungskräfte zu den bekannten politischen Gesichtern der Diktatur gehörten.
Historiker Sebastian Justke hat diese Widersprüche in seiner Untersuchung „Ein ehrbarer Kaufmann? Albert Schäfer, sein Unternehmen und die Stadt Hamburg 1933–1956“ ausführlich aufgearbeitet. Schon der Titel bringt die entscheidende Frage auf den Punkt: Reicht das über Jahrzehnte gepflegte Bild des erfolgreichen und verantwortungsbewussten Hamburger Kaufmanns aus, um Schäfers gesamte Biografie zu erfassen?
Die heutige Antwort fällt wesentlich kritischer aus als noch bei der Benennung des Albert-Schäfer-Wegs im Jahr 2003. Dabei muss aus Schäfer weder nachträglich eine der führenden Figuren des NS-Regimes gemacht noch seine Rolle beim Kriegsende kleingeredet werden. Entscheidend ist vielmehr, beides nebeneinanderzustellen: den Unternehmer, der 1945 persönlichen Mut zeigte und zur kampflosen Übergabe Hamburgs beitrug – und den Vorstandsvorsitzenden eines Unternehmens, das zuvor von den Bedingungen der NS-Herrschaft profitierte, Zwangsarbeiter einsetzte und an der wirtschaftlichen Ausbeutung in besetzten Gebieten beteiligt war.
Genau deshalb ist der Streit um den Albert-Schäfer-Weg auch eine Debatte über Erinnerungskultur. Nicht die Frage, ob Albert Schäfer Teil der Geschichte Harburgs bleiben soll, steht ernsthaft zur Diskussion. Das ist er zweifellos. Die Frage ist, in welcher Form heute an ihn erinnert werden soll – als weiterhin öffentlich geehrter Namensgeber einer Straße oder als historische Persönlichkeit, deren Leistungen und Verstrickungen gemeinsam kritisch erklärt werden.

Albert Schäfer – die wichtigsten Stationen seines Lebens
Albert Schäfer wird in Köln geboren.
Nach dem Abitur beginnt Schäfer eine kaufmännische Ausbildung bei der Rheinischen Gummiwarenfabrik Clouth in Köln. In den folgenden Jahren sammelt er berufliche Erfahrungen unter anderem in den USA, Frankreich, Belgien, England, Italien und Russland.
Schäfer wechselt zur Titan B. Pollak AG in Waltershausen in Thüringen.
Sein Aufstieg im Unternehmen erfolgt schnell: 1908 wird er Prokurist, 1909 stellvertretendes Vorstandsmitglied und 1912 schließlich Alleinvorstand.
Nach der Übernahme des Unternehmens durch die Continental Gummiwerke in Hannover gehört Schäfer dem Vorstand des Konzerns an.
Schäfer wird Vorstandsvorsitzender der Phoenix-Gummiwerke AG in Harburg. Das Unternehmen zählt zu den bedeutenden deutschen Betrieben der Gummiindustrie.
Schäfer wird in den Beirat der Industrie- und Handelskammer Harburg-Wilhelmsburg berufen.
Nach der Eingliederung Harburgs nach Hamburg gehört Schäfer dem Beirat und anschließend dem Plenum der Handelskammer Hamburg an.
Während Schäfers Zeit an der Spitze der Phoenix-Werke wurden Zwangsarbeiter eingesetzt. Auch die Aktivitäten des Unternehmens in den besetzten Gebieten Osteuropas sowie Schäfers Umgang mit seinem jüdischen Geschäftspartner Max Goldschmidt werden heute kritisch bewertet. Diese Aspekte bilden einen wesentlichen Hintergrund der aktuellen Diskussion über seine öffentliche Ehrung.
In den letzten Kriegstagen beteiligt sich Schäfer gemeinsam mit weiteren Personen an Kontakten zu den britischen Truppen. Die Gespräche tragen zum Weg zur kampflosen Übergabe Hamburgs bei. Am 3. Mai 1945 wird die Stadt den britischen Streitkräften übergeben.
Schäfer wechselt vom Vorstand in den Aufsichtsrat der Phoenix-Werke. Im selben Jahr gehört er zeitweise der von der britischen Militärregierung eingesetzten Hamburgischen Bürgerschaft an, zunächst parteilos und später als CDU-Mitglied.
Schäfer steht als Präses an der Spitze der Handelskammer Hamburg. In dieser Funktion engagiert er sich unter anderem für den Wiederaufbau der Hamburger Wirtschaft, gegen die Demontage von Industrieanlagen und für die Wiederaufnahme internationaler Wirtschaftsbeziehungen.
Schäfer ist Aufsichtsratsvorsitzender der Phoenix-Werke und bleibt dem Unternehmen damit auch nach seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender eng verbunden.
Schäfer ist Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages und damit einer der führenden Repräsentanten der westdeutschen Wirtschaft.
Die Handelskammer Hamburg ernennt Schäfer zum Ehrenpräses. Im selben Jahr erhält er die Ehrendoktorwürde der Universität Hamburg.
Albert Schäfer stirbt im Alter von 90 Jahren in Hamburg.
In Hamburg-Eißendorf wird der Albert-Schäfer-Weg nach ihm benannt.
Schäfers Rolle während der NS-Zeit steht erneut verstärkt im Mittelpunkt. Eine Hamburger Expertenkommission empfiehlt wegen seiner historischen Belastung die Umbenennung des Albert-Schäfer-Wegs.

Das ist ja echt informativ. In diesen Zeiten muss man sich schon fragen, wie Mensch sich jetzt verhält.
Ich halte ein AfD-Verbot für das Gebot der Stunde. Sonst haben wir bald einen Höcke Platz! Donald Trump ist ja auch ganz versessen darauf, alles mögliche nach sich zu benennen.
Warum haben Autobahnen eigentlich nur Nummern?
Andy Scheuer Highway für die nach Österreich wäre doch nett.