Streit um Albert-Schäfer-Weg: SPD drängt auf sachliche Aufarbeitung
Harburg-Eißendorf – Der Streit um den Albert-Schäfer-Weg beschäftigt die Harburger Bezirkspolitik seit Jahren – und eine Einigung ist weiterhin nicht in Sicht. Die SPD-Fraktion fordert nun, die Diskussion stärker auf historische Erkenntnisse und das bereits beschlossene Verfahren zurückzuführen. „Es ist an der Zeit, dass wir uns alle miteinander mal ruhig und sachlich mit dem Thema Albert Schäfer auseinandersetzen“, erklärt die Co-Vorsitzende der SPD-Fraktion Harburg, Natalia Sahling. Gegenseitige ideologische Vorwürfe würden der Tragweite der Debatte nicht gerecht.
Der Albert-Schäfer-Weg selbst ist unscheinbar: keine 300 Meter lang, überwiegend mit Reihen- und Doppelhäusern bebaut und als Spielstraße angelegt. Benannt wurde er 2003 nach Dr. Albert Schäfer, der Vorstandsvorsitzender der Phoenix AG und nach dem Zweiten Weltkrieg Präses der Handelskammer Hamburg war. Auf dem Straßenschild wird zudem auf seine Beteiligung an der friedlichen Übergabe Hamburgs an die britischen Truppen zum Ende des Zweiten Weltkriegs hingewiesen.
Doch Schäfers Rolle während der NS-Zeit führte später zu einer Neubewertung. Eine vom Hamburger Senat eingesetzte Expertenkommission zum Umgang mit NS-belasteten Straßennamen empfahl 2022 eine Umbenennung des Albert-Schäfer-Wegs. Nach Einschätzung der Kommission trug Schäfer als Vorstandsvorsitzender Verantwortung für den Einsatz von Zwangsarbeitern bei den Phoenix-Werken. Zudem verwies sie auf Zweigwerke in Riga und Prag, den dortigen Einsatz jüdischer Zwangsarbeiter sowie auf die „Arisierung“ der gemeinsam mit seinem jüdischen Geschäftspartner Max Goldschmidt gegründeten Metallgummi GmbH.
Zwei Lager kämpfen um den Straßennamen
In der Harburger Bezirksversammlung stehen sich bei der Bewertung inzwischen zwei politische Lager gegenüber. SPD, Grüne und Linke befürworten eine Umbenennung. CDU, Volt, FDP, AfD sowie fraktionslose Abgeordnete haben entsprechende Anträge bislang abgelehnt beziehungsweise sich für den Erhalt des bisherigen Namens ausgesprochen.
Für die SPD ist die weitere Ehrung Schäfers durch einen Straßennamen nicht mehr angemessen. Die kulturpolitische Sprecherin Okşan Karakuş kritisiert, eine Ablehnung der Umbenennung werde aus ihrer Sicht einer verantwortungsvollen Erinnerungskultur nicht gerecht. Die historische Belastung des Namensgebers müsse bei der heutigen Entscheidung eine entscheidende Rolle spielen.
Die CDU bewertet die Situation anders. Ihr Fraktionsvorsitzender Rainer Bliefernicht verweist darauf, dass die historische Einordnung der Namensgeber weiterhin diskutiert werde. Darüber hinaus führt die CDU die Belastungen für die Bewohner und ansässigen Unternehmen bei einer Umbenennung an. Neue Adressen könnten Änderungen bei Dokumenten, Verträgen, Geschäftspapieren und Einträgen bei Behörden oder Dienstleistern notwendig machen.
Die SPD hält dem entgegen, dass Fragen zur Kostenübernahme und zum Verfahren bereits früher behandelt worden seien. Zudem verweist sie auf einen Beschluss aus dem Jahr 2022, mit dem das Verfahren zur Umbenennung des Albert-Schäfer-Wegs auf den Weg gebracht werden sollte.
SPD will endlich die angekündigte Bürgerinformation
Im Jahr 2023 wurde die Verwaltung zudem gebeten, eine öffentliche Informationsveranstaltung zur möglichen Umbenennung zu organisieren. Die Bewohner des Albert-Schäfer-Wegs sollten persönlich eingeladen werden. Als Fachmann sollte der Historiker Dr. Sebastian Justke teilnehmen, der sich in seiner Studie „Ein ehrbarer Kaufmann? Albert Schäfer, sein Unternehmen und die Stadt Hamburg 1933–1956“ intensiv mit Schäfers Biografie beschäftigt hat.
Bei der Veranstaltung sollten neben der historischen Einordnung auch die praktischen Folgen einer Umbenennung erläutert und mögliche neue Straßennamen diskutiert werden. Denkbar war unter anderem, Bewohner, Bezirkspolitiker und Historiker gemeinsam nach einem neuen Namen suchen zu lassen. Als mögliche Namensgeber sollten dabei auch Menschen berücksichtigt werden, die während der NS-Zeit als Zwangsarbeiter bei Phoenix eingesetzt wurden.
Nach Angaben der SPD hat diese Veranstaltung bis heute nicht stattgefunden. Die Fraktion will deshalb vom Bezirksamt wissen, warum der damalige Beschluss noch nicht umgesetzt wurde, wie der aktuelle Sachstand ist und wann mit einer solchen Veranstaltung gerechnet werden kann.
Die SPD betont zugleich, dass es ihr nicht darum gehe, sämtliche Leistungen Albert Schäfers nach dem Krieg aus der Geschichte zu streichen oder seine Biografie ausschließlich in „gut“ und „böse“ einzuteilen. Entscheidend sei vielmehr die Frage, wen eine Gesellschaft heute mit einem Straßennamen ehren wolle. Schäfers wirtschaftliches Handeln während der NS-Zeit und seine Verantwortung als Unternehmer seien mit dieser Form der öffentlichen Würdigung aus Sicht der Sozialdemokraten nicht mehr vereinbar.
„Ein Albert Schäfer passt heute einfach nicht mehr dazu“, fasst die SPD ihre Haltung zusammen. Zuvor soll nach ihrem Willen jedoch endlich das bereits vorgesehene Verfahren mit historischer Aufarbeitung, Bürgerinformation und einer sachlichen Diskussion abgeschlossen werden.