Politik

ContiTech vor dem Umbruch: Was wird aus Harburgs traditionsreichem Industriestandort?

Harburg – Ein traditionsreicher Industriestandort steht vor einer ungewissen Zukunft: Nach dem vereinbarten Verkauf der ContiTech-Sparte an den US-Finanzinvestor Lone Star Funds stellt sich die Frage, wie es mit dem Continental-Werk in Hamburg-Harburg weitergeht. Welche Auswirkungen hat der Eigentümerwechsel auf Arbeitsplätze, Investitionen und die Produktion? Und welche Chancen eröffnen sich durch die Nähe zur Technischen Universität Hamburg? Antworten darauf suchten Hamburgs FDP-Landesvorsitzender Finn Ole Ritter und der Harburger FDP-Fraktionsvorsitzende Dirk Kannengießer bei einem Besuch des Werks.

Im Gespräch mit Werkleiter Dieter Gramsch informierten sich die beiden Politiker über wirtschaftliche Herausforderungen, die Energie- und Rohstoffversorgung sowie die Zukunft des weitläufigen Werksgeländes. Besonders der geplante Eigentümerwechsel sorgt für Aufmerksamkeit. Continental hatte Anfang Juli 2026 den Verkauf seiner Industriesparte ContiTech an Lone Star Funds für rund vier Milliarden Euro vereinbart. Der Abschluss der Transaktion steht noch unter dem Vorbehalt behördlicher Genehmigungen.

Welche Folgen dieser Schritt für die einzelnen Produktionsstandorte haben wird, ist bislang offen. Kannengießer betrachtet die Entwicklung daher mit einer Mischung aus Interesse und Vorsicht: „Ein Finanzinvestor verfolgt wirtschaftliche Ziele. Welche Auswirkungen das auf einzelne Standorte haben wird, lässt sich heute noch nicht sagen. Die FDP wird sich dafür einsetzen, dass Harburg beste Standortbedingungen bietet.“

Hoch spezialisierte Produktion und neue Pläne für das Werksgelände

Bei einem Rundgang durch die Produktionsanlagen erhielten die FDP-Politiker Einblicke in die industrielle Leistungsfähigkeit des Harburger Standorts. Ein wichtiger Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung und Herstellung von Komponenten für den Schienenverkehr. ContiTech verfügt über jahrzehntelange Erfahrung mit Luftfedersystemen und speziellen Gummi-Metall-Verbindungen, die unter anderem in Schienenfahrzeugen eingesetzt werden. Darüber hinaus werden in Harburg Gummimischungen für industrielle Anwendungen produziert.

Für Kannengießer unterstreicht die Besichtigung die wirtschaftliche Bedeutung des Werks: „Die Werksbesichtigung hat gezeigt, welches technische Wissen und welche industrielle Wertschöpfung hier vorhanden sind. Harburg ist Wohn- und Wissenschaftsstandort und eben auch ein bedeutender Industriestandort.“

Doch nicht nur die bestehende Produktion steht vor Veränderungen. Auch das weitläufige Werksgelände soll sich in den kommenden Jahren weiterentwickeln. Flächen, die für die industrielle Fertigung nicht mehr benötigt werden, könnten umgenutzt, neu entwickelt oder veräußert werden. Damit entstehen Möglichkeiten, traditionelle Industrie mit modernen Unternehmen und neuen Technologien zu verbinden.

Entscheidend sei allerdings, dass aus den Planungen auch konkrete wirtschaftliche Perspektiven entstehen. „Es ist ein Standort im Wandel. Entscheidend wird sein, wie sich Produktion, Investitionen, Beschäftigung und die neuen Nutzungen tatsächlich entwickeln“, betont Kannengießer.

District 21 soll Industrie, Forschung und Start-ups verbinden

Besondere Hoffnungen ruhen auf einer engeren Zusammenarbeit zwischen ContiTech, der Technischen Universität Hamburg, Tutech und jungen Technologieunternehmen. Die räumliche Nähe zwischen industrieller Produktion und universitärer Forschung gilt als Standortvorteil, der künftig stärker genutzt werden soll.

„Die unmittelbare Nähe zwischen einer technischen Universität und einem großen Industriestandort ist eine besondere Stärke Harburgs. Wenn Wissenschaft und Unternehmen ihre Kompetenzen zusammenbringen, können daraus neue Technologien und wirtschaftliche Impulse entstehen“, erklärt FDP-Landeschef Finn Ole Ritter.

Eine wichtige Rolle könnte dabei das geplante „District 21“ übernehmen. Auf Teilen des bisherigen Werksgeländes soll perspektivisch ein gemischtes Quartier mit Büro-, Gastronomie- und Gewerbeflächen entstehen. Vorgesehen sind außerdem Räume für technologieorientierte Unternehmen, Labore und innovative Projekte. Das Vorhaben ist Bestandteil der Tech-City-Strategie für den Hamburger Süden, die Wissenschaft, Industrie, Unternehmensgründungen und Stadtentwicklung enger miteinander verknüpfen soll.

Für Ritter liegt darin eine große Chance: „Solche Kooperationen zeigen, welche Möglichkeiten in Harburg bestehen. Die Verbindung von etablierter Industrie, universitärer Forschung und jungen Unternehmen kann für den gesamten Hamburger Süden interessant sein.“

„Wir haben viele interessante Informationen aus erster Hand mitgenommen. Jetzt werden wir in der Bezirkspolitik weiter daran arbeiten, dass sich diese Bausteine in den kommenden Jahren zusammenfügen“, kündigt Kannengießer an.

Ob aus dem geplanten Wandel tatsächlich eine Erfolgsgeschichte für Harburg wird, hängt nun von den Entscheidungen der kommenden Jahre ab. Der Industriestandort verfügt über technisches Know-how, erfahrene Beschäftigte und eine unmittelbare Verbindung zur Wissenschaft. Doch erst konkrete Investitionen, gesicherte Arbeitsplätze und die erfolgreiche Entwicklung neuer Gewerbeflächen werden zeigen, ob die Chancen des Umbruchs auch genutzt werden.

Redaktion

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