Bau-Turbo unter Druck: Experten fordern endlich Tempo beim Wohnungsbau
Buxtehude – Mehr Wohnungen, schnellere Genehmigungen und weniger Bürokratie: Beim 6. Tag der Bauwirtschaft der Süderelbe AG und der hochschule 21 stand die Frage im Mittelpunkt, ob der angekündigte „Bau-Turbo“ tatsächlich ausreicht, um den stockenden Wohnungsbau wieder in Gang zu bringen. Rund 130 Teilnehmer aus Politik, Wohnungswirtschaft, Immobilienbranche, Wissenschaft und Baupraxis diskutierten in Buxtehude über Kosten, Genehmigungen, Sanierungen und neue Wege für mehr bezahlbaren Wohnraum.
Niedersachsens Wirtschafts-, Verkehrs- und Bauminister Grant Hendrik Tonne machte in einer digitalen Begrüßung deutlich, dass der Handlungsdruck weiterhin hoch ist. Die Schaffung von Wohnraum sei eine der entscheidenden Zukunftsaufgaben für Wirtschaft, Kommunen und Gesellschaft.
Kritischer blickte Prof. Dr. Thomas Beyerle von der Hochschule Biberach auf die Erwartungen an den „Bau-Turbo“. Die Wohnungsmärkte litten weiterhin unter hoher Nachfrage, rückläufigen Fertigstellungen und wirtschaftlicher Unsicherheit. Eine geplante Genehmigungsfiktion könne zwar zu einem wichtigen Instrument werden, doch Personalmangel in Behörden, unterschiedliche Vorgaben der Länder sowie Klage- und Beteiligungsverfahren könnten die erhoffte Beschleunigung begrenzen.
Beyerle sprach sich zugleich dafür aus, stärker auf bestehende Gebäude zu setzen. Sanierung und Weiterentwicklung des Bestands könnten einen wichtigen Beitrag leisten, um Wohnraum zu schaffen und vorhandene Gebäude langfristig zu sichern.
Nicht die Baustelle bremst – sondern oft der Weg dorthin
Dr. Olaf Joachim, Staatssekretär im Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen, stellte die politischen Instrumente vor, mit denen Planungs- und Genehmigungsverfahren beschleunigt werden sollen. Dazu gehören vereinfachte Verfahren und der Abbau bürokratischer Hürden.
Der Bund könne allerdings nur die gesetzlichen Grundlagen schaffen. Ob daraus tatsächlich schneller gebaut werde, hänge wesentlich davon ab, wie Länder und Kommunen die neuen Möglichkeiten umsetzen.
Auch Andreas Breitner, Direktor des Verbandes norddeutscher Wohnungsunternehmen, machte deutlich, dass politische Zielvorgaben allein keine Wohnungen schaffen. Investoren und Wohnungsunternehmen benötigten langfristig verlässliche Rahmenbedingungen und wirtschaftliche Perspektiven.
Eine entscheidende Rolle spielen dabei die Baukosten. Breitner verwies auf den „Hamburg-Standard“, mit dem Anforderungen bei Baukonstruktion und Gebäudetechnik gezielt vereinfacht werden sollen. Nach seinen Angaben lassen sich dadurch Einsparungen von bis zu 600 Euro brutto pro Quadratmeter Wohnfläche erreichen. Ein Beispiel sei die Reduzierung bestimmter Deckendicken von 20 auf 16 Zentimeter.
Sönke Pickenpack vom Bauindustrieverband Niedersachsen-Bremen sieht die Bauwirtschaft selbst dagegen bereits deutlich weiter. Modulares und serielles Bauen, digitale Planungsverfahren und neue Konzepte für Bestandsimmobilien ermöglichten heute effizientere Abläufe.
Das größte Problem liege häufig vor dem eigentlichen Baubeginn. Zwischen den ersten Planungen und dem Start auf der Baustelle könnten mehrere Jahre vergehen. Diese Unsicherheit erschwere Investitionsentscheidungen und verhindere, dass vorhandene Kapazitäten der Unternehmen tatsächlich genutzt werden.
Weniger Vorschriften und mehr Planungssicherheit gefordert
Ein weiteres Thema war die Digitalisierung. Dr.-Ing. Olaf Drude, geschäftsführender Gesellschafter von WK Consult, zeigte anhand von Praxisbeispielen, wie digitale Verfahren bei der Unterhaltung und Sanierung von Ingenieurbauwerken Zeit und Kosten sparen können.
In der abschließenden Podiumsdiskussion wurde deutlich, dass viele Probleme der Branche seit Jahren bekannt sind. Die Teilnehmer forderten unter anderem stärker vereinheitlichte Bauvorschriften über Ländergrenzen hinweg. Unterschiedliche Landesbauordnungen erschwerten wirtschaftliches und standardisiertes Bauen.
Auch beim Klimaschutz müsse stärker auf Wirtschaftlichkeit und Akzeptanz geachtet werden. Ein Schwerpunkt sollte nach Ansicht der Teilnehmer auf dem Erhalt und der Weiterentwicklung bestehender Gebäude liegen, anstatt Lösungen ausschließlich im Neubau zu suchen.
„Der 6. Tag der Bauwirtschaft hat erneut gezeigt, dass die Akteure nicht über Probleme diskutieren wollen, sondern über Lösungen“, resümierten Dr. Olaf Krüger, Vorstand der Süderelbe AG, und Prof. Dr. Ingo Hadrych, Präsident der hochschule 21. Verfahren müssten schneller werden, gleichzeitig benötigten Investoren, Kommunen und Unternehmen Planungssicherheit.
Der Tag der Bauwirtschaft hat sich inzwischen als Plattform für den Austausch zwischen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft etabliert. Die hohe Beteiligung mit rund 130 Gästen zeigt, wie groß der Handlungsdruck ist. Denn steigende Mieten sind nicht nur ein soziales Problem: Fehlender Wohnraum kann auch die Attraktivität von Städten und Regionen schwächen. Jede neu gebaute oder erhaltene Wohnung stärkt zugleich Arbeitsplätze und regionale Wertschöpfung.
