Zum Tag der Deutschen Einheit: Zuhören für Zusammenhalt
Gastbeitrag von Dirk Kannengießer, Fraktionsvorsitzender der FDP-Fraktion Harburg
Mit dem 3. Oktober 1990 trat die DDR der Bundesrepublik bei. Ich war Anfang 20, der Kalte Krieg ging zu Ende, Deutschland veränderte sich, und plötzlich schien vieles möglich. Beeindruckt hat mich, wie viele angepackt, improvisiert und etwas Neues aufgebaut haben statt zu warten bis jemand ihnen sagt, was zu tun ist.
Wenn wir den Tag der Deutschen Einheit feiern, denke ich vor allem an die Zuversicht von damals. Die können wir heute wieder gebrauchen, denn der Staat lebt von den Menschen, die ihn mit Leben füllen. Von Menschen, die arbeiten, sich im Verein engagieren, Nachbarn helfen und Verantwortung übernehmen. Von Menschen, die auch dann miteinander reden, wenn sie nicht in allem einer Meinung sind.
Internationale Konflikte beschäftigen uns, Energie ist für alle zum Kostenfaktor geworden, und die Klimakrise stellt uns vor Veränderungen, die uns lange begleiten werden. Solche Herausforderungen beantwortet man nicht mit einem großen Satz. Oft beginnt es kleiner: mit einer guten Idee, einer Investition, einer Ausbildung oder jemandem, der Verantwortung übernimmt.
Das kenne ich auch aus meiner eigenen Geschichte
Ich bin im Ruhrpott groß geworden und habe erlebt, wie sich eine ganze Region verändern musste. Zechen schlossen, alte Arbeitsplätze verschwanden, neue mussten entstehen. Für viele Familien war das ein tiefer Einschnitt, aber Menschen haben neue Berufe gelernt und Unternehmen gegründet. Deshalb ist „Aufstieg durch eigene Leistung“ für mich kein Satz aus dem Parteiprogramm. Ich habe ein Handwerk gelernt, ein Unternehmen mitgegründet und stehe noch selbst auf Baustellen.
Das prägt meinen Blick auf Politik: Gute Rahmenbedingungen sind wichtig, aber am Ende braucht es Menschen, die etwas daraus machen. Davon gibt es hier in Harburg ziemlich viele, der Landwirt aus Neugraben, die Studentin an der TUHH, der Facharbeiter im Betrieb. Ihre Lebenswege sind unterschiedlich, ihre Fragen ähnlich: Können sie sich ihr Leben morgen noch leisten? Haben sie Perspektiven? Und entwickelt sich ihr Stadtteil in eine gute Richtung?
Dort beginnt für mich Zusammenhalt: Unterschiedliche Menschen fühlen sich als Teil eines gemeinsamen Ganzen
Das gilt auch bei Energie und Klimaschutz. Energie muss verlässlich, bezahlbar und klimafreundlich erzeugt werden. Energie direkt bei uns zu erzeugen ist Vorsorge und Chance, für Wachstum: Solaranlagen auf Dächern in Süderelbe, Windenergie in Altenwerder oder neue technische Lösungen aus der TUHH, aus Unternehmen und Harburger Start-ups.
Mich interessiert vor allem, was funktioniert. Politische Ideen müssen im Alltag bestehen, für den, der morgens zur Arbeit fährt, für den Betrieb mit seiner Energierechnung, für die Familie, die wissen muss, was am Monatsende übrig bleibt, und für junge Menschen, die hier eine Zukunft sehen.
Auf den perfekten Zeitpunkt zu warten bringt nichts. Zusammenhalt ist für mich deshalb kein fertiger Zustand. Er entsteht immer wieder neu, bei der Arbeit, im Verein und manchmal einfach bei einem Gespräch zwischen Menschen, die sich vorher noch nie gesprochen haben. Wenn Sie mich also irgendwo im Bezirk sehen, sprechen Sie mich ruhig an. Meinen Flitzer werden Sie vermutlich erkennen. Es muss nicht gleich die große Grundsatzdebatte werden, ein Schnack reicht fürs Erste. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag der Deutschen Einheit.