Kolumne

Wie frei dürfen wir noch etwas sagen? Zwischen Empörungskultur und Sprachverunsicherung

Hamburg – Es ist kompliziert geworden, etwas zu sagen. Noch komplizierter: etwas Falsches zu sagen. Denn der Spielraum für Irrtümer, für unfertige Gedanken und auch für unglückliche Formulierungen scheint kleiner zu werden. Man sagt einen Satz – und der Satz sagt mehr über einen aus, als man selbst wollte. Oder als andere bereit sind, zu akzeptieren.

+++ Aktuelle Meldungen aus Hamburg und der Metropolregion jetzt auch über den WhatsApp-Newsticker von Scharnberg.de. Hier abonnieren +++

In einer Zeit, in der Deutungen oft schwerer wiegen als das Gesagte selbst, wird Sprache zur Gratwanderung. Die Empörung kommt nicht mehr in Wellen, sie kommt in Echtzeit. Wer spricht, muss mitdenken, wie es verstanden werden könnte – von der einen, der anderen, allen Seiten. Fehler, früher Anstoß für Gespräch und Korrektur, geraten zum moralischen Offenbarungseid.

Seit wann ist es so schwer geworden, zu irren? Seit wann reicht ein falscher Ton, um Menschen in Lager zu stecken – hier die „Woken“, dort die „Rechten“, hier die Opfer, dort die Täter? Was verloren geht, ist das Dazwischen. Der Zweifel. Die Offenheit für Missverständnisse, für Reibung, für die menschliche Ungenauigkeit.

+++ Jetzt auf Scharnberg.de werben und Ihre Zielgruppe in Hamburg und der Metropolregion direkt erreichen. Mehr erfahren & Platz sichern +++

Vielleicht geht es nicht nur um Meinungsfreiheit, sondern um ein tieferes gesellschaftliches Unbehagen. Um Ängste – vor Abstieg, vor Bedeutungslosigkeit, vor Kontrollverlust. Um Fragen nach Gerechtigkeit, Teilhabe und Machtverhältnissen, die unausgesprochen mitschwingen, wenn jemand spricht. Wer darf was sagen – und wer nicht? Und wer entscheidet das?

Doch wo Kontrolle zunimmt, schwindet Vertrauen. Wo jedes Wort kalkuliert werden muss, verliert die Sprache an Leben. Der öffentliche Raum schrumpft, wenn niemand mehr sagen will, was er denkt – aus Angst, es könnte falsch sein. Oder schlimmer: falsch verstanden werden.

+++ Unabhängiger Lokaljournalismus braucht Unterstützung. Wenn Ihnen unsere Berichte aus Hamburg und der Metropolregion wichtig sind, freuen wir uns über eine Spende. Jetzt mit PayPal unterstützen +++

Die Hoffnung liegt vielleicht im Mut zur Zwischentöne. Im Aushalten von Differenz. In der Bereitschaft, Fehler nicht gleich als Angriff zu deuten, sondern als das, was sie oft sind: menschlich. Wer Meinungsfreiheit verteidigen will, muss nicht alles gutheißen. Aber er muss das Recht auf den Versuch wahren – auf Gedanken, die nicht perfekt sind. Auf Worte, die nicht glattgeschliffen sind. Auf Gespräch, nicht Urteil.

Denn Freiheit bedeutet auch, sich irren zu dürfen.

Quelle
Autor: Andreas Scharnberg

Claudia

Wir sind nah dran, weil wir hier leben. Auf scharnberg.de erzählen wir, was vor unserer Haustür passiert – klar, verständlich und ohne Schnickschnack. Wir hören zu, fragen nach und lassen nicht locker, wenn etwas unklar bleibt. Unsere Aufgabe ist einfach: informieren, einordnen, erklären. Ohne Gerüchte, ohne Sensationslust – aber mit Herz für die Region und Respekt für die Menschen, über die wir berichten. Wir wollen nicht lauter sein als andere. Wir wollen verlässlich sein. Wenn Sie etwas bewegt, wenn Sie Fragen haben oder Hinweise – schreiben Sie uns. Dafür sind wir da.

4 Kommentare

  1. leider wird man heute mit Hausdurchsuchungen „belohnt“ wenn man seine Meinung zu Tagesgeschehen äußert.
    debanking, Hausdurchsuchungen, Existenz Vernichtungen wie auch ungerechte Strafzahlungen gehören zum Tagesgeschehen.
    viele haben noch gar nicht bemerkt,das wir bereits in der Diktatur sind,bzw uns von totalitäre Staaten nur noch in Nuancen unterscheiden.
    Wann wacht ihr auf? es ist schon nach 12…..

  2. Hallo Frau Winkler,
    ich sage gerne mal meine Meinung zum Tagesgeschehen, hatte aber noch nie Probleme wie Hausdurchsuchung oder Debanking. Können Sie mal so freundlich sein zu beschreiben, was man tun muss, um zum Ziel der deutschen „Diktatur“ zu werden?

  3. Zitat: „Es ist kompliziert geworden, etwas zu sagen. Noch komplizierter: etwas Falsches zu sagen. “

    Das ist wohl eine Folge der Polarisierung in unserer Gesellschaft. In Verbindung mit der digitalen Echtzeit-Kommunikation ist der Shitstorm vorprogrammiert, sobald irgend jemand sich von einer Äußerung angegriffen fühlt. Zu Zeiten von Briefpost und Schnurtelefon war die Kommunikation zu behäbig für sowas. Allerdings war es damals auch Brauch und gute Sitte, seine Meinung zu begründen- und das fällt heute nahezu aus. Die Aufmerksamkeitsspanne sinkt, und das bietet die Möglichkeit, erfolgreich Kampagnen zu fahren. Springers Bild-Zeitung hat vorgemacht, was heute fast jeder kann: unbegründeten Mist erzählen und gleichzeitig die Deutungshoheit für sich zu beanspruchen. Wenn heute jemand den Klimawandel als Lüge bezeichnet, ist das nicht strafbar, obwohl er wissenschaftlich belegt ist. Es gehört aber nicht zu den bürgerlichen Freiheiten, den Planeten an die Wand zu fahren… und trotzdem schreien alle „Heizungshammer!“ und „Öööökodiktatur!“, mit dem anklagenden Triller im Ö.
    Es gab mal eine Zeit in den 70er/ 80ern, da brauchte sich ein Lehramtsstudent nur auf der falschen Demo blicken lassen, schon konnte er den Taxischein machen. Die, die sich heute am lautesten beklagen, finden das immer noch gut.

  4. Wirklich ein weites Feld, das Thema.
    Wenn man sich die Entwicklung seit 1996 ansieht, ist da wirklich allerhand passiert. Damals hatte ich meinen ersten internettauglichen PC. Das war noch die große Zeit der ersten Foren, in denen oft tapetenlange Diskussionen geführt wurden, und der Spaß kam auch nicht zu kurz. Meinem technischen Interesse folgend hab ich besonders die Bereiche Klimawandel und Verkehrstechnik beobachtet. Und ja, es gab Diskussionen, wo Leute erkennbar was gelernt haben. Es gab aber auch welche, die einen auffällig grimmigen Unverstand an den Tag legten. Denen konnte man mit Engelszungen erklären, was sie an welcher Stelle wissen müssen, es nützte nichts. Die haben nie was gelernt, immer und immer wieder von vorne der gleiche Mist . Dabei ging es um physikalische Zusammenhänge, die sind nicht interpretierbar… also was sollte das?
    Dem aufmerksamen Beobachter fielen da gewisse Strukturen auf, so auch mir. Abgestimmte „Argumentationsrichtlinien“, die zeitgleich auf verschiedenen Plattformen (z.B. Zeit online und Spiegel online) umgesetzt wurden. Es gab Berichte über Vereine, die es sich z.B. zur Aufgabe gemacht haben, die Fossilenergien gegen regenerative Konkurrenz zu verteidigen. Die Strategie „Flood the zone with shit“ ist seit damals populär, Multi-Accounts (erkennbar am gleichen Duktus und Fehlerbild) teilen sich in die kläffende Vorhut und dann kommen die sprachlich etwas Geschickteren und haben das inhaltliche Fingerhakeln übernommen. Das sind eindeutige Versuche bestimmter Interessengruppen, Volkes Maul schwarz zu schminken und die Illusion einer Mehrheit zu simulieren. Was oft beschönigend als „laute Minderheit“ bezeichnet wird, ist Teil gängiger Strategien zur Meinungsbeeinflussung, und da wird mit harten Bandagen gespielt. Hinzu kommt, dass das Internet besonders dazu einlädt, seinen niederen Instinkten freien Lauf zu lassen. Es ist ja inzwischen Berichterstattung der Tagesschau, was da für Kotzbrocken unterwegs sind. Fiesigkeit und Geldgier regieren das Netz. Wer sich aus dem Fenster lehnt, riskiert eine blutige Nase- und wenn das so weiter geht, blutet sie bald real. Was den Nazis früher Volksempfänger und Fackelzug war, ist die heutige Netzwelt das Instrument von Leuten, die nicht viel netter sind.
    Worüber wundern wir uns?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"