Alarmierende Entwicklung: Immer mehr Kinderschutz-Verdachtsfälle in Harburg
Harburg – Die Zahl der Verdachtsmeldungen wegen möglicher Kindeswohlgefährdungen ist im Bezirk Harburg in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Nach Angaben aus einer parlamentarischen Anfrage des Harburger CDU-Bürgerschaftsabgeordneten André Trepoll wurden 2025 insgesamt 2.194 Verdachtsfälle registriert. 2019 waren es noch 1.499. Das entspricht einem Anstieg um 695 Fälle beziehungsweise rund 46 Prozent.
Auch die Entwicklung im laufenden Jahr gibt Anlass zur Sorge. Von Januar bis einschließlich Juli 2026 wurden bereits 1.462 Verdachtsmeldungen registriert. Sollte sich dieses Tempo bis zum Jahresende fortsetzen, würde die Zahl deutlich über dem bisherigen Höchstwert aus dem vergangenen Jahr liegen.
„Als Staat und Gesellschaft müssen wir die Kleinsten und Schwächsten besser schützen“, fordert Trepoll angesichts der Zahlen.
Die Entwicklung verlief dabei nicht gleichmäßig. Im ersten Corona-Jahr 2020 stieg die Zahl der Meldungen nach den Angaben aus der Senatsantwort zunächst deutlich auf 1.814. Danach blieb sie auf hohem Niveau und erreichte 1.955 Fälle im Jahr 2023 sowie 1.961 im Jahr 2024. 2025 folgte schließlich der Sprung auf 2.194 Verdachtsmeldungen.
Auch bestätigte Gefährdungen nehmen deutlich zu
Eine Verdachtsmeldung bedeutet noch nicht, dass tatsächlich eine Kindeswohlgefährdung vorliegt. Wird ein entsprechender Hinweis beim Jugendamt bekannt, erfolgt eine Gefährdungseinschätzung. Dabei kann unter anderem festgestellt werden, dass eine akute oder latente Gefährdung besteht. Je nach Situation können anschließend Hilfs- und Schutzmaßnahmen bis hin zur Inobhutnahme eines Kindes notwendig werden.
Doch auch bei den tatsächlich festgestellten Gefährdungen zeigen die Harburger Zahlen deutlich nach oben. 2019 wurden 68 latente und 78 akute Kindeswohlgefährdungen registriert. 2025 waren es bereits 155 latente und 160 akute Fälle.
Trepoll spricht angesichts dieser Entwicklung von einer „Explosion der Kindeswohlgefährdungen“ und verlangt eine klare Reaktion des Staates. Besonders wichtig sei ausreichend qualifiziertes Personal in den Jugendämtern.
Nach der Senatsantwort stieg die Zahl der beim Allgemeinen Sozialen Dienst eingesetzten Vollzeitstellen im Bezirk Harburg von 44,27 im Jahr 2019 auf 53,48 im Jahr 2024. Im Jahr 2025 ging sie leicht auf 51,79 Stellen zurück.
Vor diesem Hintergrund warnt Trepoll davor, mögliche Einsparungen im Hamburger Doppelhaushalt 2027/2028 auf die Jugendämter durchschlagen zu lassen. „Alles andere wäre verantwortungslos und grob fahrlässig“, erklärt der CDU-Kreisvorsitzende.
Mehr Strafverfahren – Bearbeitungszeiten gleichzeitig gesunken
Eine ähnliche Entwicklung zeigen nach den von Trepoll veröffentlichten Zahlen auch die hamburgweiten Strafverfahren wegen Straftaten von Erwachsenen gegen Kinder und Jugendliche.
2019 wurden bei der Hamburger Staatsanwaltschaft 701 entsprechende Verfahren mit insgesamt 808 Beschuldigten geführt. 2025 waren es 1.096 Verfahren mit 1.270 Beschuldigten.
Positiv entwickelt hat sich dagegen die durchschnittliche Bearbeitungszeit. Sie sank den Angaben zufolge von 188 Tagen im Jahr 2019 auf 102 Tage im Jahr 2025.
Für Trepoll bleibt angesichts der steigenden Fallzahlen vor allem die personelle Ausstattung der zuständigen Stellen entscheidend. Der Kinderschutz dürfe bei kommenden Haushaltsentscheidungen nicht zum Sparbereich werden.
Die Zahlen zeigen zugleich, wie wichtig eine genaue Unterscheidung ist: Nicht jede Verdachtsmeldung bestätigt sich als Kindeswohlgefährdung. Dennoch haben sowohl die Hinweise als auch die festgestellten akuten und latenten Gefährdungen in Harburg gegenüber 2019 erheblich zugenommen.